Hat der Generationenvertrag eine Zukunft?

Lesedauer: 6 Minuten

Wer nach dem Arbeitsleben in die Rente eintritt, kann sich auf regelmäßige, unterstützende Zahlungen der gesetzlichen Rentenkasse verlassen. Mit diesen Zahlungen, der sogenannten Rentenleistung, soll sichergestellt werden, dass auch im Rentenalter die Lebenshaltungskosten zuverlässig gedeckt sind. Das Geld für die Rente stammt jedoch nicht vom Bund direkt. Es handelt sich stattdessen um Sozialabgaben der arbeitenden Bevölkerung. Diese kommt damit – gewollt oder ungewollt – dem sogenannten Generationenvertrag nach.

Aber was genau ist dieser Generationenvertrag? Wann wurde er geschlossen und wer profitiert von ihm? Das Prinzip hinter dem Generationenvertrag ist einfach: Arbeitnehmer zahlen Geld, Rentenbezieher erhalten Geld. Ein dynamischer Kreislauf, welcher sich von Generation zu Generation weiterentwickeln und Sicherheit sowie Stabilität versprechen soll. Dennoch steht seit Jahren die Frage im Raum, wie gerecht der Generationenvertrag tatsächlich ist. Wir gehen dieser Frage nach und zeigen die Herausforderungen auf, welche der Generationenvertrag heutzutage zu meistern hat.

Was ist der Generationenvertrag?

Der Generationenvertrag ist auf den deutschen Wirtschaftstheoretiker Wilfrid Schreiber (1904 – 1970) zurückzuführen. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine stille Vereinbarung zwischen zwei bzw. drei Generationen zur finanziellen Absicherung. Niedergeschrieben sind die Konditionen des Generationenvertrages nicht. Der Generationenvertrag ist demnach lediglich ein gesellschaftlicher Konsens, welcher im Zuge der Rentenreform 1957 Einzug in Deutschland hielt.

Der Generationenvertrag regelt, dass die arbeitende Bevölkerung durch Sozialabgaben für die Renten der Bürger im Ruhestand aufkommt. Der fiktive Vertrag lässt sich als ein Konzept beschreiben, welches eine dynamische Kapitaldeckung der gesetzlichen Altersvorsorge zum Ziel hat.

Wie funktioniert der Generationenvertrag?

Als Basis für den Generationenvertrag dient das Solidaritätsprinzip. Dieses besagt, dass eine einzelne Person in einer solidarischen Gemeinschaft nicht auf sich allein gestellt ist. Viel eher kann sie in definierten Bereichen Hilfe und Unterstützung der anderen Mitglieder erwarten. Ebenjenes Prinzip lässt sich auf den Generationenvertrag eins zu eins übertragen.

Damit sich im Ruhestand befindende Personen im Alter finanziell abgesichert sind, erhalten sie Unterstützung in Form der Rente. Diese Rente wird durch Sozialabgaben der arbeitenden Bevölkerung generiert. Einfach gesagt: Es handelt sich bei dem Generationenvertrag um ein Umlageverfahren. Daher wird häufig auch von der dynamischen Rente gesprochen. Arbeitende Personen geben einen Teil ihres Einkommens an den Staat ab, damit die gesetzliche Rentenkasse von dem Geld die benötigten Renten auszahlen kann.

Wer heute als Arbeitnehmer in die Rentenkasse einzahlt, kann sich ebenfalls auf finanzielle Unterstützung im Rentenalter verlassen. So sieht es der Generationenvertrag zumindest vor. Denn dann kommt die nachrückende Generation für die Renten der neuen Rentenbezieher auf. Warum Theorie und Praxis in diesem Fall jedoch stark voneinander abweichen, wird in Kapitel 4 ersichtlich.

Wie hat sich der Generationenvertrag entwickelt?

Wie in Kapitel 1 erwähnt, geht der Generationenvertrag auf den Wirtschaftstheoretiker Wilfrid Schreiber zurück. Dieser arbeitete den sogenannten „Solidar-Vertrag zwischen den Generationen“ aus, welcher heutzutage auch als der „Schreiber-Plan“ bekannt ist.

Ehe das Konzept Schreibers in der damaligen Bundesrepublik Deutschland Anklang fand, herrschte das System der Kapitaldeckung. Arbeitnehmer waren darauf bedacht und angewiesen, ihre Rente selbst anzusparen. Hierzu zahlten sie gemeinsam mit ihrem Arbeitgeber in gleichen Anteilen Beiträge auf ein persönliches Rentenkonto. Funktionieren konnte dieses Rentensystem auf lange Sicht allerdings nicht. Zu gering war die Kapitaldeckung und zu hoch der tatsächliche Bedarf an finanziellen Mitteln im Ruhestand.

Unter Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876 – 1967) fand 1957 in der Bundesrepublik Deutschland eine dringend benötigte Rentenreform statt. Die Grundlage hierfür: Schreibers Generationenvertrag. Fortan zahlten Arbeitnehmer nicht mehr für ihre eigene spätere Rente, sondern wurden Teil eines Umlageverfahrens. Die Beiträge, welche sie in Form von Sozialabgaben leisteten, kamen nun den Rentenbeziehern zugute. Obwohl es keinen niedergeschriebenen Generationenvertrag gibt, wird in Deutschland bis heute an dieser dynamischen Rente festgehalten.

Der ursprüngliche Vertrag von Schreiber wurde hierfür jedoch leicht abgewandelt. Während die arbeitende Bevölkerung heutzutage lediglich für die finanzielle Sicherheit der Rentenbezieher sorgt, sollte diese ursprünglich auch für eine sogenannte Kinderrente aufkommen. Es hätte sich in Schreibers Sinne entsprechend um einen Drei-Generationenvertrag gehandelt. Kinderlose Personen wären zur Zahlung doppelter Beiträge verpflichtet gewesen.

Welche Probleme bringt der Generationenvertrag mit sich?

Das Konzept hinter dem Vertrag der Generationen scheint schlüssig. Arbeitende Personen zahlen in die Rentenkasse ein und sichern somit die Lebenshaltungskosten der aktuellen Rentenbezieher. Treten sie selbst einmal in den Ruhestand ein, kommt die nachfolgende Generation für ihre eigene Rente auf. Dieses Prinzip mag schlüssig klingen, Probleme bereitet das Umlageverfahren dennoch. Mit welchen Herausforderungen der Generationenvertrag konfrontiert ist, haben wir in den nachfolgenden Abschnitten übersichtlich für Sie zusammengefasst.

Definition „Vertrag“

Der Begriff Generationenvertrag ist täuschend. Tatsächlich kann die dynamische Rente im juristischen Sinne nicht als rechtskräftiger Vertrag der Generationen angesehen werden, da es keine offiziellen Niederschriften dazu gibt. Auch sind die jeweils betroffenen Generationen als Unbeteiligte anzusehen, da sie auf die Umlage des Geldes keinen aktiven Einfluss nehmen können. Der eigentliche Strippenzieher des Vertrages ist der Staat.

Demografischer Wandel

Der Generationenvertrag sieht vor, dass die arbeitende Bevölkerung für die finanzielle Absicherung der Rentenbezieher aufkommt. Diese Rechnung kann allerdings nur aufgehen, wenn der Anteil an einzahlenden Arbeitnehmern dem Anteil der Rentenbezieher gerecht wird. In Deutschland entwickelt sich dies zu einem zunehmend größeren Problem.

Immer mehr Personen erreichen das Rentenalter, darunter die Babyboomer-Generation der 1950er- und 1960er-Jahre. Zeitgleich rücken weniger einzahlende Arbeitnehmer nach, da die Geburtenrate über die Jahre tendenziell rückläufig ist. Der Generationenvertrag gerät somit in ein Ungleichgewicht.

Die Folgen dieser Schieflage sind vielseitig. Zum einen muss der Bund mehr und mehr Kosten tragen und für die notwendigen Zuschüsse in Milliardenhöhe aufkommen. Zum anderen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Renten in Zukunft sinken. Je größer dieses Ungleichgewicht wird, umso gefährdeter ist der Generationenvertrag. Im schlimmsten Fall müssen die Rentenbezieher von morgen, welche heute Sozialabgaben leisten, fürchten, vom Generationenvertrag nicht mehr aufgefangen und unterstützt zu werden.

Kinderlose

Obwohl Wirtschaftstheoretiker Schreiber in seinem „Schreiber-Plan“ die Kinder und Jugendlichen der Bundesrepublik Deutschland berücksichtigen wollte, umfasst der heutige gesellschaftliche Konsens lediglich einen Zwei-Generationenvertrag. Dies führt zu der Problematik, dass Kinderlose in dem System der dynamischen Rente als bevorzugt wahrgenommen werden könnten.

Denn während Personen mit Kindern jahrelang entsprechende Ausgaben zu verzeichnen haben und durch die Elternschaft womöglich weniger Rentenanwartschaften erwerben können, können kinderlose Personen mehr Geld ansparen. Sie haben keinerlei Ausgaben für Kinder. Später beziehen sie jedoch gleichermaßen Rente wie Personen mit Kindern, haben allerdings nicht in die nachrückenden Generationen investiert, welche ihnen nun die finanzielle Sicherheit im Ruhestand ermöglichen.

Arbeitsmarkt

Um den Generationenvertrag zu erfüllen, müssen Arbeitnehmer von ihrem Gehalt Abgaben leisten. Wie in Abschnitt b. bereits aufgezeigt wurde, geht der Generationenvertrag allerdings nur dann auf, wenn sich die obligatorischen Abgaben mit den auszuzahlenden Renten die Waage halten. Hierbei stellt nicht nur der demografische Wandel eine Herausforderung dar. Auch der Arbeitsmarkt in Deutschland kann auf die Erfüllung des Generationenvertrags Einfluss nehmen.

Je mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer es in Deutschland gibt, umso mehr Sozialabgaben können demnach auch in die gesetzliche Rentenkasse fließen. Andersherum ist diese Gleichung allerdings auch gültig und zeigt auf, worin die Gefahr für den Generationenvertrag besteht. Ist der Arbeitsmarkt angespannt und die Arbeitslosenquote hoch, leidet der Generationenvertrag darunter. Die notwendigen Sozialabgaben für die Auszahlung der Renten bleiben aus.

Welche Zukunft hat der Generationenvertrag?

Der Generationenvertrag soll für finanzielle Sicherheit im Rentenalter sorgen. Allerdings wird ebenjene durch mehrere Faktoren gefährdet. Eine kaum zunehmende bis gar sinkende Geburtenrate verstärkt das in Deutschland vorherrschende Ungleichgewicht der Generationen. Vor diesem Hintergrund ist ungewiss, ob Generationen, welche heute in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen, später im Rentenalter selbst noch Rente beziehen können.

Um den Vertrag der Generationen auf natürliche Weise aufrecht erhalten zu können, müsste die Geburtenrate einen deutlichen Aufschwung erleben. Denn je mehr Arbeitnehmer in die gesetzliche Krankenkasse einzahlen, umso mehr finanzielle Sicherheit und Stabilität kann geboten werden. Auch eine gesteigerte Anzahl an sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen würde eine adäquate Lösung darstellen. Jedoch lässt sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt nur schwer beeinflussen, sodass ein aktives Eingreifen kaum realisierbar ist.

Eine greifbare Lösung, um den Generationenvertrag zu retten, gibt es bislang nicht. Es existieren lediglich verschiedene Lösungsansätze, welche sich um die Aufrechterhaltung des Generationenvertrages bemühen. Ausgereift oder gar umsetzbar sind viele davon jedoch nicht.

Damit der Generationenvertrag in seiner bekannten Form weiter bestehen kann, müssten einige Parameter verändert werden. So wäre es beispielsweise möglich, die Rolle der Kinderlosen anzupassen. Wie in Kapitel 4 erläutert, gelten diese häufig als bevorzugt, da sie im Vergleich zu Erwerbstätigen mit Kindern weniger in den Generationenvertrag investieren. Ein möglicher Lösungsansatz wären demnach höhere Sozialabgaben für Kinderlose. Alternativ könnten kinderlose Personen ihr gespartes Geld in eine private Altersvorsorge investieren, um das gesetzliche Rentensystem auf diese Weise zu entlasten.

Würde dieses Konstrukt weitergesponnen werden, wäre es ebenfalls eine Option, die Sozialabgaben für all jene zu erhöhen, welche ein überdurchschnittlich hohes Gehalt beziehen. Auch Selbstständige könnten im Generationenvertrag künftig berücksichtigt werden und durch das Einzahlen regelmäßiger Beträge einen Teil zu einem stabilen, dynamischen Rentensystem beitragen.

Wird für den Generationenvertrag keine Lösung gefunden, scheinen die Renten künftiger Generationen in Gefahr. Es müssten die Sozialabgaben der Erwerbstätigen signifikant angehoben oder die Renten der Rentenbezieher drastisch gekürzt werden. Nur so könnte Schreibers Generationenvertrag unter Berücksichtigung aller Umstände eine Zukunft haben.

FAQ

Was bedeutet Generationenvertrag?

Der im deutschen Rentensystem verankerte Generationenvertrag ist eine stille Übereinkunft zweier Generationen zur finanziellen Absicherung im Rentenalter. Die Erwerbstätigen sichern dabei mit Sozialabgaben die Rentenleistungen der Rentenbezieher.

Warum ist der Generationenvertrag in Gefahr?

In Deutschland herrscht ein Ungleichgewicht der Generationen. Immer mehr Personen treten in das Rentenalter ein, die Geburtenrate stagniert jedoch oder sinkt sogar. Das Prinzip des Umlageverfahrens geht demnach kaum noch auf und der Bund muss Zuschüsse erteilen.

Wie kann der Generationenvertrag gesichert werden?

Um den Generationenvertrag aufrecht erhalten zu können, müsste das Gleichgewicht der Generationen wiederhergestellt werden. Eine steigende Geburtenrate wäre hierfür wünschenswert. Andernfalls stehen höhere Sozialabgaben, gekürzte Renten oder private Vorsorgen zur Debatte.

Wir sind für Sie da!

Haben Sie weitere Fragen? Nehmen Sie einfach über das Kontaktformular oder telefonisch Kontakt zu uns auf.

07231 / 35 50 77